Kolumne

Trauer ist schön!

Trauer ist schön!

Ein Beitrag von Bernd Kehren, 2. Vorsitzender von NEST e. V.

„Herr Pfarrer, ich werde mit meiner Trauer nicht fertig! Ich muss so weinen!“, so beginnt manchmal ein Seelsorgegespräch. Immer öfter wird ein trauernder Mensch schon nach wenigen Wochen vom Hausarzt sogar in die Psychiatrie überwiesen.

Viele Menschen wollen Trauer unbedingt vermeiden. Und wenn das nicht gelingt, halten sie sich für krank. Dabei ist Trauer ein gutes menschliches Gefühl. Da hat ein Mensch eine Riesenlücke hinterlassen. Und nun reagieren wir auf einen Abschied. Auf dieser Welt wird es kein Wiedersehen geben. Und doch:

Da gibt es einen Menschen, der mir so viel bedeutet – über den Tod hinaus! Da soll ich nicht traurig sein? Dieser Mensch hinterlässt eine unfüllbare Lücke! Und da soll ich nicht trauern?

Es gibt nur eine Möglichkeit, nicht mehr zu trauern: Ich müsste diesen Menschen vergessen. Wollen Sie einen Menschen vergessen, mit dem sie so viel gemeinsam erlebt haben? In guten wie in schlechten Tagen? Niemals!

Darum schäme ich mich meiner Tränen für diesen Menschen nicht. Der Tod konnte ihn mir nehmen. Aber er kann nicht verhindern, dass ich mich erinnere und dass ich für diesen Menschen meine Tränen vergieße. Jede einzelne Träne verbindet mich mit dem Menschen, um den ich trauere. Und dann denke ich daran, was wir gemeinsam erlebt haben. Ich erinnere mich, was dieser Mensch gesagt und gedacht hat. Ein Lächeln kommt auf meine Lippen. Er war doch einfeiner Kerl! Oder auch: Sie war doch ein feiner Kerl. Was haben wir nicht alles gemeinsam erlebt!

Dietrich Bonhoeffer empfahl, diese kostbaren Erinnerungen sorgfältig aufzubewahren. Wertvolle Dinge gibt man in einen sicheren Tresor. Nur zu besonderen Gelegenheiten holt man sie wieder hervor. Erinnerungen sind kostbar.

Und in der Zwischenzeit werde ich auftanken, mir auch etwas Schönes gönnen und das Leben genießen. Der oder die Verstorbene würde es mir gönnen. „Lebe Dein Leben!“, so ruft er mir zu!
Und ich lebe mein Leben. Und wenn ich an ihn denke, dann vergieße ich eine Träne. Und ich lächle für alles, was wir gemeinsam an Schönem erlebt haben. Ich will nicht aufhören zu trauern. Denn ich will ihn oder sie nicht vergessen. Wenn ich gut für mich sorge, wird meine
Trauer sich verändern. Und ich werde an den Punkt kommen, an dem ich sagen kann: Trauer ist
schön.


  • Diese Kolumne erscheint seit Anfang 2015 im Abstand von vier Wochen im Euskirchener Wochenspiegel. Wir danken der Redaktion für diese Möglichkeit, auf NEST e.V. aufmerksam zu machen.