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Kolumne Trauer

„Du verstehst mich nicht!“

„Du verstehst mich nicht!“

Ganz Bücher beleuchten diesen Satz in Paarbeziehungen und wollen mehr Verständnis zwischen Männern und Frauen schaffen. Aber gerade in der Trauer wird er zwischen Paaren oft gedacht und manchmal als Vorwurf dem Partner an den Kopf geschleudert: „Du verstehst mich nicht!“

Während der Mann sich in die Arbeit stürzt oder sich zurückzieht, möchte seine Frau reden, gemeinsam zum Friedhof gehen und getröstet werden. Scheitert sie immer wieder mit ihren Wünschen, glaubt sie irgendwann: “Er trauert gar nicht richtig.“ Nun kommt ein Teufelskreis aus Rückzug und Vorwürfen in Gang. Was beide nicht sehen: Zwei verschiedene Bewältigungsstrategien treffen aufeinander und lösen Unverständnis und Konflikte aus. Denn Männer und Frauen haben in unserer Gesellschaft unterschiedliche Strategien der Trauerbewältigung.

Auch andere Reaktionen, die aus der Trauer entstehen, führen zu Missstimmung: Der Mann reagiert ärgerlich auf die Überbehütung des verbliebenen Kindes, die Ehefrau kann sich nicht mehr auf Zärtlichkeit einlassen, der bisher „starke“ Mann wird depressiv und antriebslos, ein Partner hat keine Lust mehr, Freunde einzuladen oder sich chic zu kleiden und und und…

Für sich alleine betrachtet, sind all diese Trauerreaktionen verständlich. Aber die dadurch entstehende Entfremdung kann die Ehe zerstören. Besonders dramatisch ist die Situation bei Paaren, die ein Kind verloren haben. Hier liegt die statistische Wahrscheinlichkeit einer Trennung sehr viel höher als bei unbelasteten Eltern.

Aber auch der Verlust eines Elternteils oder von Geschwistern bringt eine neue Dynamik in Beziehungen. Die Trauer schweißt also nicht zusammen, wie viele meinen, sondern ist eine zusätzliche Belastung der Partnerschaft.

Beide Partner müssen sich bewusst werden: Jeder trauert auf seine Weise und das darf gleichberechtigt nebeneinander stehen. Das Paar sollte sich immer wieder Zeit für sich nehmen und miteinander reden. Wenn Gespräche schnell im Streit enden, kann es sinnvoll sein, einen Freund oder Paartherapeuten um Vermittlung zu bitten.

Wer weiß, wie es dem anderen geht, kann leichter ein böses Wort verzeihen oder immer wieder einen Schritt auf den anderen zugehen. Und das ist ganz wichtig, damit ein Paar die schwere Zeit gemeinsam durchsteht.
Ihre Ursula Koch-Träger

(Vorsitzende von Nest e.V.)

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