Kolumne

Wo Worte fehlen, sprechen Bilder

Wo Worte fehlen, sprechen Bilder

Ein Beitrag von Birgitt Aicher, Kunsttherapeutin und Psycho-Onkologin,
Kreuzweingarten

Oftmals mag der Eindruck entstehen, dass Menschen,  die dem Sterben nahe sind, sich völlig zurückziehen und
jegliche Art von Therapiemöglichkeiten ablehnen. Dudurch bedingt könnte vielleicht die Überzeugung entstehen, dass jemand in der letzten Lebensphase keinen Impuls nach kreativem Selbstausdruck mehr verspürt.

Die Erfahrung meiner Arbeit in der Onkologie oder hier im stationären Hospiz in Euskirchen zeigt, welche Sehnsucht oft die Bewohner verspüren, Dinge für
sich zu klären und retrospektiv zu beleuchten. Gerade in dieser Lebensphase werden lange unterdrückte Konflikte offenbar und können jetzt oftmals nicht mehr verdrängt werden. Ungelöste Themen werden plötzlich sehr präsent. Das wird für den Sterbeprozess häufig sehr bedrohlich und beängstigend.

In meiner Tätigkeit als psychoonkologische Kunsttherapeutin kann ich immer wieder feststellen, dass meine Klienten die ungelösten Dinge im Bild bearbeiten. Oftmals kann Schweres nicht in Worte gefasst werden und löst sich so auf wunderbare Weise auf.

Nebenbei entwickeln Menschen beim kreativen Gestalten oft viel Freunde und erleben sich auch als etwas erschaffend und sinnvoll und nicht nur als Kranke, die nicht gebraucht werden.

Auch wenn wir geliebte Menschen verlieren, hilft uns spontanes Malen bei der Trauer. Es ist eine unvergleichbare Möglichkeit, die Krise, den Verlust durchzustehen und über die hinauszuwachsen.

Als Kunsttherapeutin möchte ich Menschen dabei ermutigen, ohne schulischen Bewertungsdruck zu Pinsel und Farbe zu greifen und einen kreativen Weg durch schwierige Zeiten in unserem Leben zu heilsamen Bildern zu finden.

Kinder gehen im Hospiz damit ganz selbstverständlich um und haben so auch eine wertvolle Möglichkeit, Abschied zu  nehmen, dort wo es keine Worte gibt.

Malen kann uns emotionaol entlasten und kann uns dabei unterstützen, Unfassbares in Farben und Formen zu bringen und damit einen Verarbeitungsprozess in Gang zu setzen. In diesem Sinne möcht ich all jene ermutigen, die denken, sie seien nicht kreativ, einfach mal etwas Neues auszuprobieren und sich überraschen zu lassen, was alles an ungeahnten Möglichkeiten in uns steckt.


  • Diese Kolumne erscheint seit Anfang 2015 im Abstand von vier Wochen im Euskirchener Wochenspiegel. Wir danken der Redaktion für diese Möglichkeit, auf NEST e.V. aufmerksam zu machen.