Kolumne

Die „Heilige-Fritz-Phase“

Die„Heilige-Fritz-Phase“

Ein Beitrag von Ursula Koch-Traeger, Vorsitzende von NEST e.V.

Sie kennen diese Trauerphase nicht und finden sie in keiner Suchmaschine? Kein Wunder, denn die Idealisierung in der Trauer bekam bei mir diesen Spitznamen lange bevor ich überhaupt Trauerphasen kannte.

Der Spitzname entstand so: Im Ruhrgebiet wuchs ich in einem Dreifamilienhaus auf. Unter uns wohnten Fritz und meine geliebte Ersatzoma. Oft hörte man abends Streit oder meine Mutter und „Tante Weheier“ redeten im Treppenhaus darüber, wie knapp das Geld war oder dass Fritz gestern wieder in der Kneipe statt zu Hause den Abend verbrachte. Dann starb ihr Mann plötzlich. Nach kurzer Zeit begann eine für mich und meine Mutter unverständliche Veränderung. Plötzlich war Fritz der beste Mann, der ja alles für sie getan hatte. Meine Mutter versuchte sie daran zu erinnern, was sie früher erzählt hatte. Aber dann wurde „Tante Weheier“ manchmal richtig grantig. Wir erlebten, wie wir es ironisch nannten, die „Heiligen-Fritz-Phase“. Aber wir wussten nicht, wie man mit dieser für die Trauer typischen Idealisierungsphase umgehen kann.
Die Verklärung der Beziehung zu jemandem, der verstorben ist, passiert häuig. Die Trauer lässt uns im Rückblick die gemeinsame Zeit sehr positiv sehen. Wir erinnern uns an die schönen Momente und haben Sehnsucht nach ihnen und dem Menschen, den wir vermissen.
Diese Haltung kann zu Spannungen mit Menschen führen, die sich an Konlikte in der Beziehung erinnern. Wenn sie diese Sicht zu vehement einbringen (wie es meine Mutter tat), dann fühlt der Trauernde sich angegriffen. Nur mit viel Fingerspitzengefühl kann es gelingen, die andere Seite ins Gespräch zu bringen.
Meist weicht die Idealisierung irgendwann einer realistischen Sicht auf die guten Zeiten und die Probleme. Wenn dieser Schritt ausbleibt, belastet die „rosa-rote Brille“ weitere Beziehungen. So ist es sehr verletzend für Geschwister immer mit dem idealisierten verstorbenen Kind verglichen zu werden. Eine neue Partnerschaft kann nicht gelingen, wenn der „perfekte“ Verstorbene immer noch dazwischensteht.
Die „Heilige-Fritz-Phase“ gehört also zur Trauer, aber sie muss überwunden werden, um in den verbliebenen Strukturen gut zu leben oder neue gelingende Beziehungen eingehen zu können.