Kolumne

Redet Ihr noch miteinanander – oder habt Ihr schon geerbt?

„Redet ihr noch miteinander oder habt ihr schon geerbt?“

Ein Beitrag von Ursula Koch-Traeger, Vorsitzende von NEST e. V.

Diesen Spruch kennen Sie wahrscheinlich. Wenn nicht, dann kennen Sie aber Familien
oder Beziehungen, die seit dem Tod eines Menschen heillos zerrüttet sind.

Da haben Geschwister nebeneinander auf dem Grund der Eltern gebaut und sprechen nach der Eröffnung des Testaments nicht mehr miteinander. Da zerbricht die bisher freundliche Beziehung der Eltern zum neuen Lebensgefährten der Tochter nach deren plötzlichem Tod an der Frage, wie lange er noch in ihrem Haus wohnen darf. Da verlangen die Kinder eines Mannes kurz nach der Todesnachricht Einlass in seine Wohnung, weil sie Angst haben, die 2. Frau könnte Sachen oder Geld wegschaffen. Unvorstellbar? Nein, alles schon in unserem Kreis Euskirchen
passiert.

Was macht die Zeit nach einem Todesfall so anfällig für Streit zwischen Menschen, die sich einmal nahestanden? Hier geht es nicht nur, wie manche glauben, um den materiellen Wert der Erbschaft. Vieles spielt hinein in diese Auseinandersetzungen.

Da sind die Entscheidungen vor dem Tod, die Nahestehende oft treffen müssen. Einige im Familiensystem sind für die Einstellung von Maßnahmen und wollen dem Angehörigen das Sterben ermöglichen, andere wehren sich vehement dagegen. Da bleibt bei der Seite, die sich nicht durchsetzen kann, eventuell Verbitterung zurück, die sich an anderen Stellen ihr Ventil sucht. Oder es gabt bereits Unstimmigkeiten, wie ein Elternteil gepflegt werden soll oder ob eine Unterbringung in einer Einrichtung nötig ist. Besonders schwierig ist es, wenn ein Kind in der Nähe wohnt oder das Haus wegen der Pflege erben soll, aber einfach nicht mehr alles leisten kann, was die Anderen erwarten, die ab und zu für einen Besuch kommen.

Manchmal sind es ganz alte Verletzungen, die nach dem Tod aufbrechen. „Du warst schon immer der Liebling von Vater, kein Wunder, dass Du jetzt so viel erben sollst.“ „Mich haben sie nie beachtete, aber wenn Du…“ „Dir haben die Eltern doch damals alles Mögliche bezahlt und nun sollen wir den Rest teilen.“

Was kann man tun, damit sich Familien nicht durch solche Streitigkeiten aus den Augen verlieren? Der wichtigste Rat: sich Zeit lassen und nicht überstürzt reden oder handeln. Denn eine Erkrankung, Pflege oder ein Todesfall sind besondere Belastungen im Leben, die zu Reaktionen führt, die wir mit etwas Abstand und Ruhe so nicht machen würden. Gerade beim plötzlichen Tod durch Unfall, Suizid oder Herzversagen liegen die Nerven blank und alle stehen noch länger unter Schock. Man sollte jemanden suchen, der weniger persönlich betroffen ist.  Derjenige kann schauen, was jetzt unbedingt entschieden oder getan werden muss. Alles andere hat mehr Zeit, als man im ersten Moment denkt. Nach einigen Monaten oder gar einem Jahr können alle Seite gefasster entscheiden, was mit den Sachen des Verstorbenen, dem Haus oder
Vermögen geschehen soll.

Dem Familienfrieden dient eine Lösung, die alle fair finden. Sie kann von der rechtlichen Erbreglung oder dem Willen des Verstorbenen abweichen, wenn alle damit wirklich einverstanden sind und es so richtig finden. In schwierigen Fällen hilft eine Mediation. Das Geld ist gut investiert, wenn man sich damit Streit oder endlose Gerichtsverfahren spart.