Kolumne

Verlust und Trauer: Helfen Medikamente?

Verlust und Trauer: Helfen Medikamente?

Ein Betrag von Dr. med. Michael Münchmeyer,
Akutgeriatrie, Krankenhaus Schleiden

Der Verlust eines geliebten Menschen löst häufig Traurigkeit, Schmerz, Schlaflosigkeit und vielleicht auch Schuldgefühle aus.

Einsamkeit und die Ungewissheit, wie es weitergehen soll, können zu Ängsten, bis hin zu Panikattacken führen. Die Sorge um den Sterbenden hat die Kraftreserven aufgebraucht, so dass jetzt auch noch körperliche Erschöpfung alle seelischen Reaktionen auf den Tod eines nahestehenden Menschen verstärken können.

Trauer – Angst – Depression: Da scheint der schnelle Griff zur Arznei rasch Abhilfe zu versprechen. Die Verordnungszahlen steigen, wie veröffentlichte Studien der Krankenkassen zeigen.

Aber gerade bei alten Menschen sind die Risiken und die Nebenwirkungen der medikamentösen Therapie mit Psychopharmaka bei bis zu mittelschwerem Verlauf der Symptome in der
Regel höher einzuschätzen, als bei jungen Patienten. Psychotherapeutische Maßnahmen, Gespräche, Kontakt zu Gleichgesinnten, Entspannungsübungen, Selbsthilfegruppen, geschulte Trauerbegleiter, bis hin zu den neuen unterstützenden Online-Therapieangeboten bei depressiver Verstimmung mit wissenschaftlichem Wirkungsnachweis, unterstützen die Wiederherstellung des seelischen Gleichgewichtes.

Nur bei sehr schweren und langen Verläufen einer Depression, bis hin zur Selbstmordgefahr, bei hoch akuten Panikattacken oder bei anderen schweren psychotischen Episoden können Medikamente hilfreich sein.

Das zunächst nicht medikamentöse Vorgehen wird von den amerikanischen und deutschen Leitlinien gefördert. Wegen der Gefahr der Abhängigkeit sind insbesondere Beruhigungsmittel aus der Gruppe der Benzodiazepine (die gerne bei Schlafstörungen und Angstattacken eingesetzt werden) nur im äußersten Notfall und auch nur kurzfristig einzusetzen. In den allermeisten Fällen sind aber auch schon die oben genannten psychosozialen Interventionen vollkommen ausreichend; Medikamente kommen nur in seltenen Ausnahmefällen sinnvoll zum Einsatz.

Dr. med. Michael Münchmeyer
Chefarzt der Klinik für Akutgeriatrie, Krankenhaus Schleiden


  • Diese Kolumne erscheint seit Anfang 2015 im Abstand von vier Wochen im Euskirchener Wochenspiegel. Wir danken der Redaktion für diese Möglichkeit, auf NEST e.V. aufmerksam zu machen.